Die Unsichtbaren

Im Februar 1943 werden alle als Zwangsarbeiter verbliebenen Juden in Berlin verhaftet; das Regime erklärt die Reichshauptstadt für „judenrein“. Trotzdem gelingt es rund 7.000 Juden unterzutauchen und 1.700 von ihnen werden Verfolgung und Krieg überleben.

DIE UNSICHTBAREN – WIR WOLLEN LEBEN porträtiert das Schicksal vier junger Berliner. Ganz auf sich allein gestellt sind sie gezwungen, jeden Tag Entscheidungen zu treffen, die sie das Leben kosten können.

Hanni Lévy (Alice Dwyer) ist Vollwaise und gerade 17 geworden. Sie muss sich alleine durchschlagen und entkommt nur knapp der Verhaftung. Dank ihrer blondierten Haare macht sie sich für ihre Verfolger unsichtbar, sie mischt sich gekonnt unter die vielen Flaneure am Kurfürstendamm und ergreift oft die Gelegenheit, in dunklen Kinosälen abzutauchen.

Um der Deportation zu entkommen, nimmt auch Cioma Schönhaus (Max Mauff) eine andere Identität an. Er wird Passfälscher und rettet zusammen mit seinem Freund Ludwig Lichtwitz (Sergej Moya) und dem Elektriker Werner Scharff (Florian Lukas) Dutzenden jüdischen Verfolgten das Leben. Dank regelmäßigen Einkommens schafft es Cioma sogar, sich ein Stück Normalität in Form von Segelausflügen oder Restaurantbesuchen zurückzuerobern.

Eugen Friede (Aaron Altaras) wird gezwungen, sich ebenfalls zu verstecken, hat aber Glück im Unglück. Mit der Tochter seiner hilfsbereiten Gastgeber darf er sogar fast so etwas wie eine Liebesgeschichte erleben. Aber auch Eugen muss bald weiterziehen. Er schließt sich der Widerstandsgruppe von Hans Winkler (Andreas Schmidt) an, die Flugblätter verteilt.

Diese vier der „Unsichtbaren“ stellt Regisseur Claus Räfle ins Zentrum eines vielschichtigen Ensembledramas, das sich auf sensible und anrührende Weise mit einem wenig bekannten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigt. Es sind vier sehr junge Menschen, die früh Verantwortung für sich und andere übernehmen müssen und die vielleicht nur aufgrund ihrer jugendlichen Unbedarftheit die Kraft und den Mut besitzen, sich dem barbarischen Vorgehen der Nazis zu widersetzen. Alle vier werden ganz unvermittelt aus ihrem Alltag gerissen: der brave Eugen Friede (Aaron Altaras), der eigentlich nur an Mädchen denkt, von den Ereignissen aber schließlich doch politisiert wird; die schüchterne Hanni Lévy (Alice Dwyer), die dank blondiertem Haar „unsichtbar“ wird und im Dunkel der Berliner Kinosäle Zuflucht sucht; der Teufelskerl Cioma Schönhaus (Max Mauff), der den Behörden mehr als einmal eine lange Nase dreht und sich zum gewieften Passfälscher entwickelt; und schließlich die hübsche Ruth Arndt (Ruby O. Fee), die sich als Kriegswitwe tarnt und am allerunwahrscheinlichsten Ort Schutz findet – im Haus eines Wehrmachts-Offiziers.

Vieles, was die vier im Lauf der Geschichte erleben, mag schier unglaublich erscheinen. Doch Räfle liegt nichts an fiktiver Überhöhung – der gelernte Dokumentarfilmer bleibt auch in seinem Spielfilmdebüt den Tatsachen verpflichtet. Gemeinsam mit seiner Ko-Autorin Alejandra López hat Räfle lange recherchiert und Zeitzeugen interviewt, bis sich die hier versammelten Episoden als die interessantesten herausstellten. Da die Filmemacher die Interviews auch filmten, ergab sich schließlich die Möglichkeit, die Vorbilder der Filmfiguren ebenfalls zu zeigen. So kommen Friede, Schönhaus, Lévy und Arndt immer wieder selbst zu Wort: vier Senioren, die bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen und gegen das Vergessen anzukämpfen. Dank ihnen konnte das Filmprojekt auf eine neue Ebene gehoben werden, denn die kurz eingeschnittenen Statements rufen weniger das typische Doku-Gefühl hervor, vielmehr bescheinigen sie der Handlung Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Fotos: © 2017 Tobis

Vorstellung im Onikon:

Samstag, den 27.01.2018 um 20:00 Uhr

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