Als wir tanzten

Schon sein ganzes Leben träumt Merab (Levan Gelbakhiani) davon, Tänzer beim Georgischen Nationalballett in Tiflis zu werden. Tanzlust liegt bei ihm in der Familie: Seine Großmutter und seine Eltern waren ebenfalls Tänzer. Jetzt trainiert er mit seinem älteren Bruder David an der Akademie und hofft auf einen festen Platz im Ensemble, der eine Zukunft als Profi und Reisen ins Ausland verspricht. Merabs Chancen stehen nicht schlecht: Er trainiert hart und ist dabei viel disziplinierter als sein Bruder, der immer wieder mit dem strengen Tanzlehrer Aleko aneinandergerät und nachts lieber um die Häuser zieht, als am nächsten Morgen fit zum Unterricht zu erscheinen. Auch Merab hat gewisse Probleme mit Aleko, dem dessen Tanzstil nicht stramm und männlich genug ist. Da Geld bei der Familie knapp ist – die Karriere des Vaters war kurz, jetzt arbeitet er auf einem Wochenmarkt – muss Merab nach dem Training in einem Restaurant bedienen.

Als eines Tages ein neuer Schüler in der Akademie auftaucht, wird Merab aus seinen Routinen gerissen: Irakli (Bachi Valishvili) ist nicht nur ein guter Tänzer und somit ernstzunehmende Konkurrenz; Merab fühlt sich auch auf merkwürdige Weise von ihm angezogen. Irakli kommt aus der Hafenstadt Bakumi und soll dort eine Freundin haben, doch alles andere an ihm ist geheimnisvoll. Merab sagt, er selbst sei „mehr oder weniger“ mit seiner langjährigen Tanzpartnerin Mary zusammen, doch die Beziehung der beiden scheint rein platonisch zu sein. Merab und Irakli verbringen in den nächsten Tagen immer mehr Zeit miteinander, trainieren zu zweit und besuchen Iraklis Großmutter. Bei einer Feier auf dem Land kommen sie sich auch körperlich näher. Doch im homophoben Umfeld der Schule, in der konservative Vorstellungen von Männlichkeit hochgehalten werden, wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Beziehung geheim halten.

Kurz vor dem großen Vortanzen, auf das alle wochenlang hingearbeitet haben, ist Irakli plötzlich spurlos verschwunden. Merab kann ihn nicht erreichen, und dann verkündet auch noch sein Bruder, dass seine Freundin von ihm schwanger ist und er sie deswegen so schnell wie möglich heiraten müsse. Bei der kurzfristig angesetzten Hoch-zeit am Vorabend der großen Tanzprüfung taucht Irakli wieder auf – und konfrontiert Merab mit einer harten Entscheidung. Merab muss eine Antwort auf die Fragen finden, welches Leben er führen und was für eine Art Tänzer er sein will.

Statement des Regisseurs Levan Akin:

„In Georgien gibt es drei Dinge, die als Inbegriff der Tradition und der nationalen Identität gelten und hochgehalten werden: die Kirche, der traditionelle mehrstimmige Gesang und der traditionelle Nationaltanz.

Der Hauptdarsteller meines Films trägt den gleichen Namen wie ich, sein Name ist Levan und er ist Tänzer. Auch ich habe früher getanzt – und mir vorgestellt, in einem Paralleluniversum er zu sein. Ich habe viele Tänzer interviewt, und sie haben mir alle erzählt, wie konservativ und streng die georgische Tanzszene in Bezug auf Geschlechtervorstellungen ist. Also habe ich mich dazu entschlossen, die Story in diesem Umfeld anzusiedeln. Der georgische Nationaltanz sollte für das Alte stehen, die aufkeimende Liebe zwischen den beiden Tänzern für das Neue.

Mit diesem Film habe ich mich zurück zu meinen Wurzeln als Filmemacher begeben, d.h. ich habe auf ganz ursprüngliche Weise gearbeitet. Das echte Leben der Leute, die im Film zu sehen sind, und die aktuellen Geschehnisse in Georgien haben die Geschichte unmittelbar beeinflusst. Und diese entwickelt sich immer weiter. Im engeren Sinne erzählt der Film die Geschichte von jungen queeren Menschen und von ihren Schwierigkeiten, aber in einem größeren Rahmen erzählt er auch von der Historie und der heutigen Lage des Landes. Der Film wird vielen Leuten einen interessanten Einblick in einen Teil der Welt bieten, den sie nicht kennen. Und es ist ein aufrichtiger Film über die Bedeutung, frei zu sein.“

Vorstellungen im Onikon:

Dienstag, den 03.11.2020 um 20:00 Uhr

Mittwoch, den 04.11.2020 um 20:00 Uhr

Fotos: © 2020 Salzgeber

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